Projektinhalt

In über 60 westlichen Handschriften des 8. bis 14. Jhds. finden sich verschiedene (Meß)gesänge mit griechischem Text. Allerdings wurden diese Texte zumeist transliteriert, d.h. sie wurden mit lateinischen Buchstaben niedergeschrieben. Von diesen 60 Handschriften sind wiederum ca. 50 mit (westlichen) Neumen versehen. Zu finden sind diese Gesänge u.a. in Psalter, Grammatiken und diversen anderen Sammlungen, hauptsächlich jedoch in Musikhandschriften und hier wiederum vor allem in Troparien und Gradualen des 10. und 11. Jhds.










Zur sog. Missa graeca werden lediglich die Meßgesänge des Gloria / Doxa (Δόξα), Credo / Pisteuo (Πιστεύω), Sanctus / Hagios (Ἅγιος) und Agnus Dei / Amnos tu theu (Ἀμνὸς τοῦ θεοῦ) gezählt. Die Bezeichnung Missa graeca wird von den mittelalterlichen Handschriften selbst nicht verwendet, hat sich aber bereits seit ca. dem 13. Jhd. für das griechische Meßordinarium für das Fest des Hl. Dionysios etabliert und wird daher auch in diesem Projekt verwendet. Vielfach wird in den Codices der griechische zusammen mit dem lateinischen Text wiedergegeben, wobei sich häufig zu Beginn eines solchen Abschnitts die Überschrift „Latine et Grece“ findet. Des weiteren kann auch eine lateinische interlineare Version oder eine lateinische Übersetzung jeweils nach einem Abschnitt auftreten. Das „Kyrie“ wird im Mittelalter nicht zur Missa graeca gezählt, da es bereits fixer Bestandteil der lateinischen Liturgie war. Es dürfte sich bereits etabliert haben, als die liturgische Sprache in Rom noch Griechisch war. Als Teil des Volksgesangs fehlt das Kyrie ebenfalls in den Handschriften der Missa graeca.

Das vorliegende FWF-Projekt konzentriert sich neben der Missa graeca noch auf eine Reihe weiterer bilingualer Gesänge, die auf Griechisch und Latein in mehr als einer westlichen Handschrift enthalten sind, da diese bislang noch nicht zur Missa graeca in Bezug gesetzt worden sind (u.a. die zweisprachigen Gesänge der Kreuzverehrung am Karfreitag, die Hodie-Antiphone von Weihnachten, Ostern und Pfingsten, die zweisprachigen Alleluia-Verse für Weihnachten, die Antiphone des sog. Veterem hominem-Zyklusʼ für die Epiphanie-Oktave und der Cherubimhymnus). Diese Gesänge sind hauptsächlich in beneventantischen Codices, aber teils auch beispielsweise im Worcester Antiphoner (um 1230), in St. Gallener Handschriften,  in Vatikanischen Codices oder in Handschriften aus der Pariser Nationalbibliothek) um nur einige zu nennen, zu finden.

Zwar gehört der „Akathistos Hymnos“ zu jenen Texten, die frühzeitig (ab ca. 800) mehrmals ins Lateinische übertragen wurde, da er aber nicht neumiert in den erhaltenen lateinischen liturgischen Handschriften aufgenommen wurde, sondern nur der lateinische Text überlefert ist, wird er im vorliegenden Projekt nicht behandelt.

Warum alle oben genannten Gesänge mit transliteriertem griechischen Text und westlichen Neumen Eingang in Handschriften des Westens fanden, ist nach wie vor nicht geklärt.

Athen EBE 2458, fol. 167v: Ἅγιος / Hagios

(ゥ Athener Nationalbibliothek)


St. Gallen 484, p. 303: Credo / Pisteuo

(ゥ Stiftsbibliothek St. Gallen)



St. Gallen 484, p. 305: Sanctus/ Hagios